Personal

Gewohnte Zweisamkeit oder ungewohnte Einsamkeit?

11 Jahre lang war ich in einer Beziehung. Quasi meine gesamten Zwanziger. Ich kannte einfach nichts anderes. Wilde Studentenpartys? Aufregende Flirts in der Bibliothek? Experimente als Single? All das war mir fremd. Ich war vergeben. Gab mich voll und ganz dieser Beziehung hin und hatte keinerlei Interesse daran, mich „auszutoben“. In der Uni galt ich oft als reserviert, ja vielleicht sogar distanziert. Ich hatte zwar tolle Freundinnen, mit denen ich viel unternahm. Aber dennoch führte ich nicht dieses stereotypische Studentenleben.

Obwohl ich ein sehr offener Mensch bin, zog ich mich gerne in die Zweisamkeit, die nicht immer harmonisch war, zurück. Die Zweisamkeit – ich hatte mich an sie sehr gewöhnt. Wir wissen, wie fies die Gewohnheit sein kann: Sie idealisiert, sie macht blind und sie setzt Grenzen, die dazu führen, dass man sich sogar selbst verliert.

Ich zumindest hatte die Zweisamkeit mit all ihren Gebrechen in Kauf genommen. „Niemand ist perfekt“, sagte ich mir oft. Also sah ich über die großen Differenzen häufig zu großzügig hinweg. Aber warum eigentlich? Vielleicht weil mir die gewohnte Zweisamkeit lieber war, als die ungewohnte Einsamkeit? Mitten im Spannungsfeld zwischen Vertrautem und Fremdem entschied ich mich damals gegen das Unbekannte.

Obwohl ich immer sehr selbstständig war, stets hart gearbeitet habe und mit beiden Beinen fest im Leben stand, lernte ich erst nach den ganzen Geschehnissen des vergangenen Jahres, wie es ist, auch mal allein klarzukommen. Und je mehr ich die Einsamkeit zuließ, desto mehr verlor ich meine Angst vor ihr. Ich lernte sogar ihre schönen Facetten kennen: Den Tag so gestalten, wie ich es wollte- ganz ohne Rücksicht auf einen Mann. Kochen, worauf ich Lust hatte. Verreisen, wohin ich wollte. Das Ganze ohne Kompromisse. Die Zeit, die ich nur mit mir selbst hatte, fühlte sich plötzlich so neu an. Ich fühlte mich anders, lebendiger, frischer. Ich hatte endlich die Gelegenheit, um mich einfach nur mit mir selbst zu befassen. Um herauszufinden, was ich wirklich will.

„Was macht er?“ „Warum meldet er sich nicht?“ „Wann kommt er wieder nach Hause?“ Die Zeit mit mir allein hat mir beigebracht, dass all diese Fragen aus purer Unsicherheit und trauriger Unzufriedenheit entstehen. Doch wer will schon so fremdbestimmt leben?

Die Trennung – sie war DIE Chance für mich, um meinen Charakter noch einmal neu zu definieren, um ein bisschen entspannter, gelassener und zufriedener zu werden. Um die Dinge zu lassen, wie sie sind. Um die schönen Momente zu genießen und nicht immer die nächsten 5 Jahre im Voraus durchzuplanen.

Heute würde ich nicht mehr eine Sekunde lang in einer Beziehung bleiben, in der ich mich auch nur minimal unwohl fühle. Heute weiß ich, dass mich die „gewohnte Zweisamkeit“ nicht mehr dominieren kann.  Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass nur ich selbst für mein Glück verantwortlich bin. Denn wenn wir die Partnerschaft brauchen, um eine Lücke zu füllen, dann ist die große Enttäuschung doch schon vorprogrammiert.

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2 Comments

  • Reply
    Saskia
    6.10.2018 at 7:16

    Ich verstehe dich wirklich. Ich würde auch niemals an einer Beziehung festhalten, bei der ich mich verliere und Kompromisse eingehe, die mir / uns dann doch im Endeffekt nicht gut tun. Dann lieber rechtzeitig trennen und jeder fängt für sich neu an.

  • Reply
    Lara
    4.10.2018 at 22:23

    Liebe Ari,

    Ich finde mich in diesem Text 1:1 wieder.
    Du hast diese Phase der Einsamkeit, in der man sich selbst besser kennenlernt, ganz wunderbar beschrieben.
    Ein dreifaches Ja darauf, dass man nicht darauf vertrauen kann von einem anderen Menschen glücklich gemacht zu werden.
    Glück kommt aus dem Innersten.

    xx
    Lara

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